Donnerstag, 22. September 2011

"Die glücklichste Nation unter der Sonne" Þórarinn Eldjárn


Die Lektüre der dreizehn Erzählungen von Þórarinn Eldjárn hat mir großes Vergnügen bereitet. Obwohl der Autor zu den bekanntesten Erzähler Islands zählt und ich schon sehr viel Literatur aus diesem Land kennen lernen durfte, war mir sein Name bis jetzt unbekannt. Wie schade! 

Þórarinn Eldjárn überrascht, amüsiert und kann dem Leser nicht nur ein Mal ein Lächeln entlocken. Seine Erzählungen entziehen sich jeder Kategorie und obwohl es klar ist, dass er über seine Heimat und seine Landsleute schreibt, ist er sehr sparsam mit einer genauen Bestimmung von Ort und Zeit, was den Geschichten etwas an Universalität gibt. Gleichzeitig entwickelt er einen feinsinnigen Humor, so dass der Leser das Gefühl nicht los wird, dass der Autor mit einem liebevollem Augenzwicker über seine Mitbürger und ihre Schwächen schreibt.

Als erstes begeistert die Erzählung, in der Þórarinn Eldjárn erklärt, warum Island eine in unterschiedlichsten Bereichen führende Nation ist. Man muss lediglich an der Bevölkerungszahl messen, egal ob man die Schachmeister, Nobelpreisträger oder Opernsänger, die in der La Scala singen, zählt. Plötzlich rangiert Island in diesen Disziplinen auf den ersten Platz. 

Eines Tages landet in einem der entlegensten Nordfjorde ein Wikingerboot. Zufällige Beobachter stellen fest, dass die Ankömmlinge die gleiche Sprache, wie die ersten Siedler auf Island sprechen, sich ebenfalls so verhalten und mit der Landeinnahme beginnen. Es wird eine Kamera platziert und es beginnt der größte Forschungsprojekt Islands, der zudem von der ganzen Nation in Kinos verfolgt wird bis Unerwartetes passiert... Wunderbare Idee und überraschende Pointe machen diese Erzählung zu einer kleinen Perle.

Die letzte Erzählung hat mir besonders gefallen. Meister Kjartan und seine Mitarbeiter haben soeben ein altes isländisches Torfhaus fertig gestellt. Die Arbeit hat ihnen viel Schweiß und Energie abverlangt, das Haus wurde für eine Filmproduktion gebaut und musste perfekt sein. Bevor die Männer anfangen können zu feiern, kommen der Regisseur sowie der Amtsmann mit seinem Vater, um das vollendete Werk zu begutachten. Der alte Vater ist in einem Torfhaus aufgewachsen und möchte seine Erinnerungen mit der Wirklichkeit konfrontieren. Als er die Arbeiter scharf kritisiert, rasten sie aus. Die geplante Feier artet in ein Saufgelage mit Wutausbrüchen und Beschimpfungen, die unerwartete Folgen am nächsten Tag haben werden.

Die Erzählungen sind skurril, überraschend erfrischend, sie bestechen mit der Beobachtungsgabe des Autors und seinem ungewöhnlichem Humor. Ich bin mir sicher, dass die Isländer viel mehr versteckte Anspielungen in den Texten entdecken werden, trotzdem unterhalten sie auch den ausländischen Leser.
Empfehlenswert!

Meine Bewertung: 5/6

Das Buch bekam ich über Blogg dein Buch vom Conte Verlag - vielen Dank! Das Buch kann über diesen Link bestellt werden.







Þórarinn Eldjárn, Die glücklichste Nation unter der Sonne, tł. Coletta Bürling, 155 str., Conte Verlag 2011.

Freitag, 1. Juli 2011

Statistik Juni 2011

Gelesene Bücher: 8 (1 abgebrochen)
Gelesene Seiten: 2524

Nobelpreisträger-Challenge: 0
Reportagen-Challenge: 0
Japan-Challenge: 0
Nacht-Challenge: 1
Literaturpreis-Challenge: 0
Exoten-Challenge: 0
Haruki Murakami-Challenge: 0
Familien-Challenge: 1
Farbsonnen-Challenge: 0

Das beste Buch: "Das Glitzern der Heringsschuppe in der Stirnlocke" Óskar Árni Óskarsson

SuB-Höhe: 120

Immerhin habe ich es geschafft zwei Rezensionen zu schreiben, es fehlen aber noch zehn:( Die kommen bald, versprochen:)

Mittwoch, 22. Juni 2011

"Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft" Gyrðir Elíasson


Dieses kleine Büchlein soll in Island einen Kultstatus erlangt haben. Es wurde bereits vor 24 Jahren herausgegeben aber erst jetzt bekam der deutsche Leser eine Übersetzung. Das mir bis dato unbekannte Verlag Walde + Graf hat übrigens gute Arbeit geleistet. Das Buch besticht mit der graphischen Seite - blauer Druck, viele Spielereien mit den Buchstaben sowie die Illustrationen von Laura Jurt sprechen für den Roman.

Elíasson beschreibt das Leben eines Jungen, der als einsames Pflegekind wundersame Abenteuer erlebt und sehr oft in seine Phantasien eintaucht, um der Langweile des Dorflebens zu entfliehen. Die Beschreibungen seiner Erlebnisse sind sehr lyrisch, teilweise sogar idyllisch (auch wenn das wirkliche Leben des Jungen nicht so glücklich zu sein scheint). Für mein Geschmack fast schon zu poetisch. Den ersten Teil des Romans habe ich noch verkraften können, der zweite war entschieden zu wirr für mein Geschmack. Der Junge entflieht nämlich komplett in seine imaginäre Welt. Und zwar als Eichhörnchen, das sich in eine Stadt, die von Tieren bewohnt wird, begibt. Diese Abenteuer sind ein Ausdruck der Ängste und der innersten Wünsche des Jungen.

Ich kann nicht sagen, dass ich die Idee des Roman nicht verstanden habe. Es ist lediglich kein Buch nach meinem Geschmack und obwohl es so viele positive Rezensionen sammelte, kann ich mich dem Lobgesang nicht anschliessen. Glücklicherweise umfasst das Buch nur etwas mehr als ein Hundert Seiten, so dass die Lektüre schnell zu bewältigen war und ich freue mich, trotz der Enttäuschung, einen weiteren isländischen Autor kennen gelernt zu haben.

Meine Bewertung: 3/6

Gyrðir Elíasson, in Eichhörnchen auf Wanderschaft, übersetzt von Gert Kreutzer, 112 Seiten, Walde + Graf

Freitag, 17. Juni 2011

"Die Elemente" Magda Szabó


Eine alte Frau wohnt alleine in einer Provinzstadt. Ihr geliebter Mann liegt im Sterben im Krankenhaus. Nach seinem Tod ist sie niedergeschlagen, bevor sie jedoch anfängt, ihr Leben neu zu ordnen, übernimmt ihre Tochter Iza das Ruder. Sie ist eine unglaublich pragmatische, rationelle, geordnete Person, als Ärztin sehr sorgfältig, ihren Patienten immer zugewandt. Sie wusste schon immer, was am besten für ihre Eltern ist. Ihre alte Mutter nimmt sie zu sich - in ihre Wohnung nach Budapest. Nach dem ersten Schock freut sich die ältere Dame, dass sie ihrer Tochter nützlich sein könnte - sie wird aufräumen, die Lieblingsspeisen der Tochter kochen und ihr das Leben leichter machen. Sie wird aber bitter enttäuscht. Izas Leben ist geregelt, die Wohnung modern eingerichtet, eine Haushaltshilfe kümmert sich um alles, die Mutter soll sich nur erholen. Sie fühlt sich in dieser Rolle schlecht - unnütz und fehl am Platze. Gleichzeitig weiß sie aber, dass Iza sie sehr liebt und für sie nur das Beste will. Die Tochter versucht ihr ein angenehmes, reiches Leben zu sichern, sieht aber nicht, was ihre Mutter wirklich braucht - Verständnis für ihre Bedürfnisse und Gespräche. Die Einsamkeit der Mutter wird unerträglich, sie versucht Leute kennen zu lernen aber alle ihre Bekanntschaften werden von Iza als ungeeignet bezeichnet und schliesslich verboten.

Der Ex-Mann von Iza - Antal - ein Waisenkind, der durch die Großeltern erzogen wurde, hat erst bei seinen Schwiegereltern Liebe und Wärme erfahren. Trotz der Trennung hat er für seine Schwiegereltern viel Zuneigung. Nach dem Tod des Schwiegervaters, wollte er sich um die Witwe kümmern. Als Iza jedoch ihre Pläne umsetzte, kaufte er das Haus der Schwiegereltern.

Izas Mutter fährt in ihre alte Heimat, um persönlich das Hinstellen des Grabdenkmals für ihren geliebten Mann zu beaufsichtigen. Antal freut sich sehr, sie wieder zu sehen und kann es kaum erwarten, ihr vor seinen Plänen zu berichten.

Jede der im Roman vorgestellten Personen - Antal, Iza, Mutter und Vater - kann als Hauptprotagonist angesehen werden. Szabó ändert in ihrem Roman mehramls die Erzählperspektive, so dass jeder der Protagonisten seine Sichtweise darstellen kann. Besonders die Abschnitte, in denen die Mutter von ihren Erlebnissen berichtet, sind sehr beindruckend. Der Leser beobachtet wie sie sich immer mehr in sich verschliesst, wie sie apathisch wird und schliesslich gänzlich in sich einsackt.

Szabós Stil hat mich begeistert: das Buch habe ich unwahrscheinlich gelesen, trotzdem ist es ein Roman, der noch lange in Erinnerung bleibt. Ein Roman, das nicht so schnell aus den Gedanken verschwindet, einer, der zum Nachdenken zwingt und zutiefst berührt. Szabó bringt den Leser dazu, über eigene Beziehung zu den Eltern und anderen älteren Personen nachzudenken. Diesen Effekt erreicht sie durch eine schlichte, nüchterne Sprache, die die Gefühle der Protagonisten umso mehr hervorhebt. Sie hat es geschafft ein Psychogramm vier verschiedener Personen darzustellen - jede von ihnen versucht nach dem besten Willen zu handeln und jede von ihnen scheitert. Der Mangel an Kommunikation ist der Hauptverursacher aller Katastrophen.

Szabó hat ihren Roman in vier Kapitel geteilt - jedes von ihnen wurde einem anderen Element zugeordnet, die wiederum als Symbole der Persönlichkeiten der Hauptprotagonisten angesehen werden können. Eine Maßnahme die ebenfalls zum Nachdenken zwingt.

Es ist ein Roman nach meinem Geschmack. Ich suche immer nach Büchern, die mich nach dem Fertiglesen noch lange zum Nachdenken zwingen und an die ich mich noch Monate später erinnern kann. Ich habe Szabós Prosa noch im Gymnasium kennen gelernt aber erst jetzt fand ich wieder zu ihr. In meinem SuB warten noch zwei weitere ihre Bücher, auf die ich mich schon sehr freue.
Übrigens, ich habe gerade entdeckt, dass dieser Roman kürzlich in einer neuen Übersetzung in Secession Verlag erschienen ist.

Meine Bewertung: 6/6

Maga Szabó, Piłat, übersetzt von Olga Wybranowska, 275 Seiten, Wydawnictwo PIW

Donnerstag, 16. Juni 2011

Statistik Mai 2011

Gelesene Bücher: 4
Gelesene Seiten: 1838

Nobelpreisträger-Challenge: 0
Reportagen-Challenge: 0
Japan-Challenge: 1
Nacht-Challenge: 0
Literaturpreis-Challenge: 0
Exoten-Challenge: 0
Haruki Murakami-Challenge: 1
Familien-Challenge: 1
Farbsonnen-Challenge: 0

Das beste Buch: "Die Elemente" Magda Szabó

SuB-Höhe: 122

Es fehlen einige Rezensionen aus Mai und auch aus Juni. Ich werde mich demnächst besser, soweit es meine Kinder mal endlich zulassen:)

Dienstag, 17. Mai 2011

"Der Turm" Uwe Tellkamp


Das beinahe ein Tausend Seiten starke Buch hat mich, muss ich ehrlich zu geben, gefordert. Die Lektüre erstreckte sich über mehrere Wochen und mit einem gewissen Stolz habe ich letzte Woche den Roman aus den Händen gelegt. Tellkamps Werk erfordert nämlich viel Aufmerksamkeit seitens des Lesers. Man kann den Roman nicht mal zwischendurch lesen - nicht nur wegen der anspruchsvollen Sprache, ganz prosaisch, auch wegen des Gewichts. Trotzdem wollte ich unbedingt das hochgelobte und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Werk kennen lernen und bedauere es keinesfalls.

"Der Turm" scheint eins der ersten Bücher zu sein, die so umfangreich und detailliert den Alltag in der DDR schildern. Die Handlung fängt kurz nach Breschnews Tod, 1982 an und endet am 9. November 1989. Tellkamp platziert sie in einem bürgerlichen Viertel von Dresden, wo hauptsächlich Wissenschaftler, Künstler und hochgebildete Menschen leben. Dort wohnt auch Familie Hoffmann - Vater Richard ist ein bekannter Chirurg, Mutter Anne arbeitet als Krankenschwester, deren zwei Söhne besuchen noch die die Schule. Der ältere Christian - ein fleißiger, in sich verschlossener und wissbegieriger Schüler wird zu einem der Hauptprotagonisten des Romans. Der Bruder von Anne - Meno - ist eine weitere wichtige Gestalt. Er arbeitet als Lektor in einem der Dresdner Verlage und schwärmt von eigenem Roman. Fragmente seines Tagebuches, in denen er die aktuellen Geschehnisse kommentiert, werden in und wieder in die Handlung eingebunden.

Auf den ersten Seiten seines Romans, beschreibt Tellkamp Richards fünfzigsten Geburtstag. Dieser Anlass eignet sich dem Leser alle Mitglieder der Familie vorzustellen. Die Geschwister von Richard und Anne sowie ihre Kinder, die Eltern, die Mitarbeiter von Richard bilden einen bunten Querschnitt durch die Gesellschaft. Gleichzeitig wird die Handlung ganz deutlich im ostdeutschen Alltag platziert - die ausländischen Leckereien begeistern die Gäste, ungewöhnliche Geschenke überraschen den Jubilar und die Tristesse der Umgebung wird durch das Konzert, das die jüngste Generation (fast alle spielen ein Instrument) gibt, gebrochen.

Klassische Musik, Literatur, Kunst, der Glaube an Humanismus - eine Denkweise, die in der DDR verpönt war - bezeichnen die Lebensweise der Protagonisten, die auf diese Weise versuchen die bürgerliche Kultur aufrecht zu erhalten und gegen die sozialistische Einheitshaltung zu protestieren.
Jedes Mitglied der Familie kommt in gewisser Weise mit dem politischen System in Berührung. Richard ist in politische Abhängigkeit von seinem Chef verwickelt, ärgert sich über den schlechten Zustand des Krankenhauses, fehlende Möglichkeiten für Forschung und dass er mit den Kollegen aus dem Westen nicht mithalten kann. Gleichzeitig wird er von Stasi erpresst, die dazu seine Jugendsünden und die Parallelbeziehung mit der Chefsekretärin benutzt.
Christian besucht die letzte Klasse des Gymnasiums, steht vor der Wahl des Studiums, die davon stark abhängig ist, ob er "freiwillig" für drei Jahre in die NVA geht. Die korrekte Haltung im Unterricht spielt ebenfalls eine große Rolle.
Meno wiederum bemüht sich in seinem Beruf als Lektor sowohl den Schriftsteller als auch den Zensor zufrieden zu stellen. Dank seiner Arbeit hat er viele Kontakte zu damaliger "roter" Elite, kann die Gespräche und politische Entscheidungen aus erster Hand verfolgen, was die Ursache für seinen Rückzug ist. Er igelt sich immer mehr ein und widmet sich seinen zoologischen Interessen.
Während Tellkamp das Schicksal der Familie schildert, liefert er unfassbar detaillierte Beschreibungen des Dresdener Alltags - Schlangen in den Geschäften, beengte Wohnverhältnisse, Kampf um Lebensmittel und Heizbriketts, öffentliche Badehäuser, Bürokratie und vor allem die ständige Angst vorm Bespitzeln. Gleichzeitig findet man im Roman viele fast idyllische Beschreibungen des Viertels - alte, verfallene Villen mit verwilderten, geheimnisvollen Gärten wirken beinahe märchenhaft. Der Leser schwelgt in Nostalgie und vermisst das alte Dresden aus der Vorkriegszeit. Recht interessant wirken die Beschreibungen des Sperrbezirks, wo nur die hochgestellten Funktionäre wohnen durften.

Tellkamps Schreibstil kann begeistern, man muss ihm aber erst eine Chance geben. Die langen, mehrfach zusammengesetzten Sätze, die Anhäufung von Adjektiven und Metaphern verlangen nach Aufmerksamkeit und Konzentration. Der Autor hat einen Roman geschaffen, der auf die Tradition der großen epischen Werke und des Bildungsromans zurück greift. Ich fühlte mich mehrmals an "Buddenbrooks", Kellers "Der grüne Heinrich" sowie Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" erinnert. Tellkamp nutzt jedoch auch eigene Erfahrungen - ähnlich wie Christian diente er in einer Panzereinheit der NVA und wollte Medizin studieren.

Der etwas pathetische Romananfang kann den Leser abschrecken, es lohnt sich jedoch weiter zu lesen, auch wenn hin und wieder die eine oder andere Passage überflüssig vorkommt.
Aus Tellkamps Beschreibungen wächst nämlich allmählich ein Epos heraus, eine einmalige Studie der ostdeutschen Gesellschaft.

Meine Bewertung: 4,5/6

Uwe Tellkamp, Der Turm, 973 Seiten, Suhrkamp.

Montag, 9. Mai 2011

"Liebe Isländer" Huldar Breiðfjörð


Huldar wohnt in Reykjavík, genießt das Nachtleben und reist viel, vornehmlich ins Ausland. Island interessiert ihn nicht besonders, bis er eines Tages auf die Idee kommt, so viel Island wie möglich wahrzunehmen, um die eigene Heimat wieder neu für sich zu entdecken. Folglich beschliesst er die Insel auf der Ringstraße zu umrunden. Die Expedition soll in den zwei typisch isländischen Monaten statt finden - im Januar und Februar.

Die Reise soll nicht nur dazu dienen, Island zu erkunden, gleichzeitig soll sie Huldar helfen "aufzuwachen" - er hat genug von seinem Alltag, immer den gleichen Kneipen, der gleichen Musik und dem öden Gerede mit den Kumpels. Es ist höchste Zeit sein Leben zu verändern.
Bevor er aber die Reise antreten kann, muss noch etwas wichtiges erledigt werden - Huldar braucht ein Auto, das etwas aushält. Ein Auto mit Seele. Nach einer langen Suche findet er einen Volvo Lappländer, der sein Reisegefährte werden soll.
Die Reise beginnt - Huldar fährt zuerst in die Westfjorden und noch bevor er dort ankommt, ist er kurz davor seinen Projekt zu unterbrechen. Das Wetter ist katastrophal, die Straße glatt und löchrig. Huldar kämpft mit Wind, Eisglätte, schlechter Sicht und fürchtet ständig, in den Fjord abzustürzen. Für solch einen Stadtmenschen wie er, ist die Fahrt ein wahres Überlebenstraining.

Der Kampf gegen das Wetter und die Natur wird zum Hauptthema des Romans - Huldar gibt nicht auf und kämpft sich bei Eiseskälte, ständig kurz vom tödlichen Absturz in den Fjord, in die abgelegensten isländischen Dörfer durch.

Er plante so viele Bauernhöfe und Dörfer wie möglich zu besuchen und hatte vor Gespräche mit den gewöhnlichen Isländern zu führen. Um die Kontaktaufnahme zu vereinfachen, hat Huldar Bücher zum Verkauf mitgenommen.
In jedem Ort besucht er zuerst den Kiosk oder die Tankstelle und trinkt einen Kaffee. Meistens ist es auch der einzige Platz, an dem er Menschen trifft. Die Straßen sind meistens leer.
Obwohl so viele Gespräche geplant wurden, hat Huldar bis zum Schluss einige Schwierigkeiten mit den wortkargen Isländern, ungezwungene Gespräche zu führen. Immer wieder muss er sich aufs Neue wundern, dass die Bewohner der entlegensten Ecken mit ihrem Leben zufrieden sind und nichts vermissen. Dabei gilt Reykjavík als Inbegriff einer großen Stadt mit seinen 120.000 Einwohnern.

Während eines ungewöhnlich starken Sturmes verbringt Huldar ein paar Tage in einer Pension am Myvatn-See. In der Zeit versucht er den Sinn seines Lebens neu zu definieren und sein "ich" zu entdecken. Bei den Versuchen entstehen keine erfinderischen Theorien, eher enden sie damit, dass Huldar die ganze Nacht im Fernsehzimmer auf dem Sofa schlafend verbringt. Man muss zugeben, dass Huldar die Nacht nackt (zur besseren Selbstfindung) verbringt und morgens von der Pensionsbesitzerin aufgefunden wird.

Wie ihr vielleicht gemerkt hat, ist nämlich Huldars Buch weder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der isländischen Mentalität noch eine tiefgründige Beschreibung des Selbstfindungsprozesses. Viel mehr ist es eine herzlich witzige Liebeserklärung an Island. Huldars Bemerkungen sind lustig, die Beschreibungen der Gespräche ironisch und witzig und seine Malheurs werden selbstkritisch und autoironisch dargestellt. Der Autor entdeckt Islands Schönheit erst auf der letzten Geraden der Ringstraße, im äußersten Süden. Trotzdem ist das ganze Buch eine Lobhymne an die isländische Natur und an Island. Wo sonst kann man solch skurrilen Menschen begegnen, wo herrschen solch unberechenbaren Wettergötter und wo befinden sich solch beeindruckenden Naturwunder?
Allen Islandliebhabern möchte ich das Buch wärmstens empfehlen - ich bin mir sicher, es wird euch begeistern:)

Meine Bewertung: 5/6

Huldar Breiðfjörð, Liebe Isländer, übersetzt von Gisa Marehn, 219 Seiten, Aufbau Verlag.